Selen – Wirkung im Körper, Aufnahme und Tagesbedarf
Die Welt der Medizin bzw. der mikrobiologischen Wissenschaft, dreht sich immer mehr um die Wirkung und den eventuellen therapeutischen Einsatz von Selen. Doch was ist Selen überhaupt, wo finden wir es in der Natur, wie nehmen wir es auf und was macht es in unserem Körper? Was sagen aktuelle Studien dazu? All diese Fragen möchte ich mit Dir besprechen. Zum Schluss dann noch die Antwort auf die dringlichste Frage: Sollte man Selen supplementieren und wenn ja, in welcher Form und wieviel?
Eins schon mal vorab: Es wird spannend, also let´s go!
Was ist Selen überhaupt?
Wir fangen mal ganz von vorne an: Was ist Selen überhaupt und in welcher Form wirkt es in unserem Körper?
Um es einfach zu beschreiben, ist Selen ein essenzieller Mikronährstoff. „Essenziell“ bedeutet, dass wir es nicht selber herstellen können, sondern es durch unsere Nahrung aufnehmen müssen. Es gibt verschiedene Formen von Selen. Die wichtigsten sind Selenat, Selenit und Selenomethionin (das solltest du dir merken, denn diese Formen stehen auf den Verpackungen der Supplements drauf, später mehr dazu).
Damit es in unserer Wundermaschine auch seine Aufgaben erfüllen kann, wird es zur Aminosäure Selenocystein umgewandelt und bildet damit dann die sogenannten Selenoproteine. Dies sind Enzyme, die sehr wichtig für unseren Körper sind und als Katalysator für Stoffwechselprozesse fungieren. Es gibt viele verschiedene Selenoproteine in Säugetieren, die jedoch noch nicht alle erforscht sind. Bei vielen von ihnen wissen wir also noch gar nicht, was ihre Funktion überhaupt genau ist. Das finde ich persönlich ja immer echt cool, dass wir ausnahmsweise auch mal etwas noch nicht wissen 😉 .
Also wir merken uns: Selen gibt es in verschiedenen Formen, die wir in Selenocystein und später in Selenoproteine umwandeln und dann als Enzyme für viele Prozesse benutzen.
Aufnahme von Selen
Selen ist in unserem Erdreich zu finden. Es wird von den Pflanzen und damit auch von den Tieren aufgenommen. Wir erhalten es also durch unser Essen. Im Dünndarm wird es dann resorbiert. Leider ist der Boden in Deutschland eigentlich viel zu sauer, wodurch Selen immer weniger in der Erde enthalten ist. Allerdings füttern manche Menschen ihre Nutztiere bereits mit selenhaltigem Futter! In Amerika beispielsweise sind die Böden noch gut mit Selen versorgt.
Kurzer Seitensprung: In Finnland MÜSSEN die Bauern/ Bäuerinnen ihre Böden bereits mit Selen düngen, da es dort sonst zu einer ziemlichen Unterversorgung kommt. Außerdem werden die Schweine und Kühe dort mit Selen angereichertem Futter gefüttert, um auch hier dem Selenmangel entgegenzuwirken.
Nun kann man durch diese eher schlechte Lage unserer Böden ja davon ausgehen, dass wir alle an Selenmangel leiden. So drastisch ist es allerdings nicht.
Auf der Website des „Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit“ wurde eine Stellungnahme der gemeinsamen Expertenkommission veröffentlicht; Hier spricht man sich für eine vorsichtige Nahrungsergänzung mit Selen aus (Quelle: hier). Trotzdem wird auch darauf hingewiesen, dass es hier in Deutschland durch die alltägliche, normale Ernährung nicht zu einem gefährlichen Selenmangel kommen kann, also keine Panik auf der Titanik! Apropos: Selen nimmst Du durchs Essen von Fisch, Fleisch, Vollkorn und Pilzen ein. Das Selen aus Fisch und Fleisch ist jedoch am besten bioverfügbar, wir können dies also am besten aufnehmen. Also an alle Veganer/-innen und Vegetarier/-innen: Checkt Euren Selenspiegel!
Auch, wenn man den orthomolekular-Medizinern/-innen Glauben schenkt, wäre eine Nahrungsergänzung mit Selen sinnvoll. Natürlich immer nach einer Blutdiagnostik und in Maßen!
Ich denke, falls man sich dafür interessiert, sollte man ein Blutbild machen lassen, es überprüfen und dann selbst entscheiden, ob man seinen Selengehalt im Blut etwas boosten will oder nicht 🙂 .
Tagesdosis: Selen
als Nahrungsergänzung
Jetzt aber mal zu den Zahlen: Es wurden Schätzungen gemacht, dass Erwachsene in Deutschland etwa 30-50 µg Selen pro Tag zu sich nehmen. Die Zufuhrempfehlung der „Fachgesellschaft für Ernährung“ lautet für Erwachsene in Deutschland: 60-70 µg Selen täglich. Daher entschied sie sich 2021 dafür, dass eine Nahrungsergänzung von Selen mit einer Dosis von bis zu 50 µg pro Tag sinnvoll und unbedenklich wäre. Alles darüber hinaus würde Risiken mit sich bringen und den positiven Effekt des Supplements nicht mehr bestärken (Quelle: hier).
Der hier in Deutschland berühmte Spezialist für orthomolekulare Medizin und Apotheker Uwe Gröber empfiehlt dagegen eine Tagesdosis von 200 µg Selen (Quelle: hier) .
Andere Wissenschaftler/-innen sagen, dass man die Dosis individuell berechnen sollte; 1µg pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Das heißt, wenn Du 70kg wiegst, dann solltest Du 70µg Selen täglich nehmen.
Wie wirkt Selen
im Körper?
In meiner Recherche zur Wirkungsvielfalt von Selen in unserem Körper habe ich mir viele Studien angeschaut, Videos von Experten/-innen angesehen und etliche Artikel durchgelesen. Und ich kann nur so viel sagen: Es sind Fakten dabei, die bereits wissenschaftlich nachgewiesen sind, jedoch gibt es auch die ein oder andere Aussage, die noch nicht bewiesen ist bzw. zu der es keine ausreichende Studienlage gibt. Aber: Die Wissenschaft ist auf jeden Fall sehr interessiert an diesem vermeintlichen Wunder-Spurenelement und forscht immer mehr rund um das Thema Selen im menschlichen Körper. Hier also die wissenschaftlich fundierten Fakten und die Aussagen, die noch mehr Studien benötigen, bis sie wirklich als Fakten gelten können:
Selen als Antioxidans
Fakt: Wie oben bereits beschrieben, wandeln wir das zu uns genommene Selen in Selenoproteine um. Von diesen gibt es zig verschiedene Varianten. Eine Gruppe davon ist die sogenannte „Glutathionperoxidase“. Braucht man nicht aussprechen, aber gut zu wissen ist: Diese Enzyme sorgen dafür, dass H2O2, also Wasserstoffperoxid, in H2O, also Wasser, umgewandelt wird. H2O2 sorgt an unseren Zellen für oxidativen Stress, der schädlich auf viele Zellstrukturen wirken kann und unter Anderem am Alterungsprozess beteiligt ist. Unser Selenoprotein Glutathionperoxidase schützt unsere Zellen also hiervor und wirkt somit antioxidativ.
Eine antioxidative Wirkung beinhaltet auch eine antientzündliche Wirkung. Entzündungsprozesse werden von Selenoproteinen reguliert. In einer Forschungsarbeit, die 2024 veröffentlicht wurde, stellte sich heraus, dass chronisch-entzündliche Erkrankungen im rheumatischen Formenkreis (rheumatoide Arthritis, Psoriasis-Arthritis, juvenile ideopathische Arthritis und Osteoarthritis) mit einem niedrigen Selenspiegel einhergehen. Außerdem beschreiben die Forscher/-innen, dass sich die Erhöhung des Selenoproteins P positiv auf die Funktionsbeeinträchtigung der Betroffenen auswirkte. Eine weitere Forschung ist jedoch vonnöten (Quelle: hier).
Selen zur Regulation der
Schilddrüsenhormone
Fakt: Eine weitere Gruppe der Selenoproteine, die Deiodinasen, spielen bei der Produktion und dem Umbau von den Schilddrüsenhormonen T3 und T4 eine große Rolle. In vielen komplizierten Schritten sorgen sie dafür, dass unsere Schilddrüse das Gleichgewicht zwischen Ab- und Aufbau der Hormone hält. Am Wichtigsten ist hier der Umbau von T4 (mit 4x Jod) zu T3 (mit 3x Jod) zu nennen. Ohne Selen können wir diesen Umbau gar nicht leisten. Und dabei ist T3 so wichtig!
Nun sollte jedoch nicht daraus geschlussfolgert werden, dass man bei Schilddrüsenproblemen einfach Selen zu sich nehmen sollte und sich alles wieder von selbst reguliert. Die Studienlage hierzu ist noch nicht ausreichend. Allerdings ergibt sich aus einer Studie aus 2012, dass die Entzündungsparameter bei einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse gesunken sind, nachdem Selen eingenommen wurde (Quelle: hier). Eine weitere Metaanalyse beschreibt eine positive Wirkung von Selen auf die Blutwerte von Menschen mit einer Autoimmunkrankheit der Schilddrüse (Quelle: hier).
Selen und das Immunsystem
Fakt: Es steht fest, dass Selen bzw. die Selenoproteine eine sehr wichtige Rolle in unserer Immunabwehr spielen. Sowohl in der unspezifischen (Natürliche Killerzellen, Makrophagen…), als auch in der spezifischen (T-Zellen, B-Zellen). Hier wirkt Selen aktivierend bzw. aufbauend. Hier kommst Du zu meinem Blogartikel über unser Immunsystem!
In einer randomisierten Kontrollstudie aus 2018 liest man, dass eine Selengabe bei Menschen mit schweren Atemproblemen positiv auf die entzündlichen Vorgänge wirkt und sie mindert, was allerdings nicht zu einer Erhöhung der Überlebensrate führte (Quelle: hier).
Selen kann die Nerven
schützen
Fakt: Vor allem in der grauen Substanz des Gehirns ist Selen bzw. sind Selenoproteine sehr aktiv. Selbst wenn es zu einem Selenmangel kommt, bleibt vergleichsweise immer noch viel Selen im Gehirn. Man vermutet, dass es sich hier um eine Schutzfunktion unserer Wundermaschine handelt. Sie verdeutlicht die Wichtigkeit des Spurenelements im nervalen System. Fest steht, dass Selenoproteine durch ihre antioxidative Wirkung das Gehirn bzw. die Nerven vor zerstörerischen Mechanismen schützt. Ob eine Substitution von Selen präventiv gegen Alterungsprozesse im Gehirn wirkt, vermutet man zwar, muss jedoch noch sichergestellt werden.
In einer Übersichtsarbeit aus 2008 ist zu lesen, dass der abnehmende Selenspiegel im Blut mit dem Alterungsprozess des Gehirns und der Degeneration korreliert (Quelle: hier).
Eine andere kritische Überprüfung von Wissenschaftlern/-innen aus 2014 zeigt auf, dass es sehr wichtige Verbindungen zwischen Selen und den neurologisch degenerativen Krankheiten M. Alzheimer, M. Parkinson, der Huntington-Krankheit und der Epilepsie gibt. Auch hier wird erwähnt, dass zwar eine therapeutische Gabe von Selen naheliegt, wir jedoch weitere Studien benötigen, um daraus einen wissenschaftlichen Fakt zu machen (Quelle: hier).
Selen und die
Krebsforschung
Dieses Thema fasse ich eigentlich nie an, bzw. halte mich da raus. Doch auch hier fand ich spannende Studien, die ich Dir nicht vorenthalten möchte;
Zunächst einmal die ziemlich berühmte „SELECT“-Studie. Hier wurde in den Jahren 2001-2008 in den USA 12.000 Männern Selen, Vitamin E, eine Kombination aus beidem und ein Placebo verabreicht. Die Wissenschaftler/-innen wollten herausfinden, ob sich diese Nährstoffe präventiv auf das Risiko, an Prostatakrebs und andere Krebsarten zu erkranken, auswirken. Die Studie wurde allerdings vorzeitig abgebrochen, da sich die Ergebnisse eher in die andere Richtung entwickelten. Bei denen, die Vitamin E bekamen, stieg das Risiko eher an. Bei denen, die Selen bekamen, stieg die Zahl an Diabetes Erkrankungen. Erstmal ein kleiner Flop. Doch es wird auch diskutiert, dass die Selengabe nicht spezifisch auf die Blutwerte der Männer abgestimmt wurde und die Form des dargereichten Selens nicht optimal war (Quellen: hier und hier).
Eine weitere, sehr interessante Studie aus 2024: Bei dreifach negativem Brustkrebs, eine spezielle Art des Brustkrebs, die schwerer zu behandeln ist, als andere Arten, wurde herausgefunden, dass sich Selen sogar negativ auswirken könnte. Man stellte fest, dass die Zellen, die metastasieren, unter SelenMANGEL abstarben, da sie Selen brauchten, um sich zu schützen. Natürlich muss hier auch wieder mehr geforscht werden, doch die Aussage, dass ein Selenmangel positiv wäre und einen eventuellen Therapieansatz darstellen könnte, finde ich ziemlich spannend (Quelle: hier).
Fazit: Selen
Wie schon erwähnt, war es zwar echt interessant, sich durch all die Fachliteratur zu lesen, allerdings auch etwas frustrierend, da es bei vielen Themen keine einheitliche Studienlage gibt. Die Medizin ist bezüglich der Wirkung von Selen in unserem Körper vergleichsweise noch in der Anfangsphase. Es gibt unendlich viele Studien dazu, jedoch sind die meisten eher klein und nicht wirklich aussagekräftig. Wenn es um die Supplementierung von Selen geht, wird überall darauf hingewiesen, dass das Spurenelement zwar Superpower hat, jedoch bei einer Überdosierung auch giftig wirken kann.
Deswegen sage ich dazu: Lasst ein Blutbild machen und klärt mit Euren Therapeut/-innen und Ärzt/-innen ab, ob eine Supplementierung von Selen notwendig ist. Bei Alleingängen seid vorsichtig und haltet Euch an die Empfehlungen der Spezialisten/-innen! 🙂
Wenn du etwas über weitere Nährstoffe wie Kalium, Kalzium oder Natrium wissen möchtest, klick gern auf die Begriffe!
FAQ:
Ja. Das nennt sich dann Selenose. Typische Symptome sind Haarausfall, Übelkeit, brüchige Nägel, eventuell sogar neurologische Störungen. Also: Erst ein Blutbild machen lassen und dann mit den Expert/-innen beraten, ob und wieviel zugeführt werden sollte
Organisches Selen, wie z.B. Selenomethionin, wird besser aufgenommen aber teilweise unspezifisch in Körperproteine eingebaut. Anorganische Formen, wie z.B. Natriumselenit, wirken gezielter, aber ihre Bioverfügbarkeit ist etwas geringer. Es gibt allerdings viele Präparate, die beides enthalten
Fisch, Eier, Fleisch und Vollkornprodukte. Bei Paranüssen aufgepasst! 1-2 Nüsse pro Tag reichen aus.
Selen ist an vielen wichtigen Prozessen im Körper beteiligt – unter anderem als Bestandteil der sog. Selenoproteine. Diese wirken antioxidativ, regulieren die Schilddrüsenfunktion und unterstützen das Immunsystem
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Erwachsenen etwa 60 – 70 µg Selen pro Tag. Der tatsächliche Bedarf kann aber individuell variieren – zum Beispiel bei bestimmten Erkrankungen, veganer Ernährung oder Schwangerschaft

Hi! Mein Name ist Anna, ich bin gelernte Physiotherapeutin und Heilpraktikerin und komme aus dem wunderschönen Hamburg. Mit diesem Blog will ich Dir all mein gelerntes Wissen aus dem Unterricht, den Skripten, Fachbüchern und Fortbildungen näher bringen. Denn ich finde: Medizin sollte einfach und verständlich erklärt werden! Viel Spaß beim Durchstöbern! 🙂


