Was ist Dry Needling?

Da ich nun auch Dry Needling in meiner Therapie anwende und es dazu natürlich einige Fragen gibt, habe ich mich dazu entschieden, hier nun eine kleine Übersicht über dieses Thema zu schreiben. Das Dry Needling wird zur Behandlung von myofaszialen Triggerpunkten entweder ergänzend zur Physiotherapie herangezogen, oder aber auch alleinstehend genutzt. Hierbei muss man jedoch festhalten, dass die besten Ergebnisse neben einer physiotherapeutischen Behandlung entstehen. So, nun aber mal ins Thema „Was ist Dry Needling?“!

Die Geschichte hinter
Dry Needling

Das „trockene Nadeln“ wurde in den 1950ern bis 1970ern Jahren von der amerikanischen Ärztin Dr. Janet Travell und dem Arzt Dr. David G. Simons entwickelt. Sie fanden beim Spritzen eines Medikaments heraus, dass die gewünschte Wirkung nicht nur wegen der Flüssigkeit erzielt werden konnte, sondern auch ganz simpel durch den Einstich der Nadel. So forschten sie weiter und kamen dann zu dem Namen „Dry Needling“. Denn hier wird „trocken genadelt“ und kein Medikament verwendet. Die Therapiemethode ist in der westlichen Medizin entstanden und hat das Ziel, sogenannte „myofasziale Triggerpunkte“ zu beseitigen.

Wie sieht die Behandlung
mit Dry Needling aus?

Anamnese und Befundung

Bevor wir mit der eigentlichen Behandlung anfangen, frage ich Dich erstmal so richtig über Deine Symptomatiken aus. Wo genau ist der Schmerz? Wann tritt er auf? Welche Qualität hat er? Ist er dauerhaft da oder nur zeitweise? Vielleicht auch nur bei bestimmten Bewegungen? Strahlt er in andere Gebiete aus? Gibt es noch andere neurologische Symptome, wie Kribbeln oder Taubheit? Woran hindert er Dich im Alltag? Wie sieht Dein Alltag aus? Und noch vieles mehr… Danach schaue ich mir Dich und Deine Statik an, bevor ich dann in die Palpation gehe (Tastbefund). Ich taste Deine Muskulatur ab, vielleicht reproduziere ich auch den Schmerz, den Du kennst. Meist sind Triggerpunkte druckempfindlich, was in diesem Teil der Befundung dann notiert wird. Wenn der Triggerpunkt bzw. vielleicht auch mehrere Punkte gefunden wurden, wird alles ordentlich desinfiziert und ich beginne mit dem Nadeln.

Ganz individuelle Anwendungen

Es gibt verschiedene Techniken beim Dry Needling. Je nachdem, wie schmerzempfindlich/ aufgeregt Du bist, entscheide ich, welche Technik ich anwende. Bei sehr akuten Schmerzen fange ich natürlich erstmal vorsichtig an. Dann werden die Nadeln lediglich gesetzt und etwas tiefer in den Muskel gebracht. Manchmal reagiert das System dann schon mit einer Muskelzuckung. Und das ist ein super gutes Zeichen! Denn durch die Anspannung kann der Muskel später viel besser entspannen.

Wenn sich Dein Körper schon an alles gewöhnt hat und auch keine oder nur noch selten Zuckungen entstehen, kommt etwas mehr Bewegung ins Spiel. Entweder bewege ich die Nadeln nur rauf und runter, oder sie werden gefächert (also etwas flacher gesetzt und dann mit verschiedenen Winkeln in verschiedene Richtungen gestochen). Das hört sich vielleicht dramatisch an, aber die Nadeln sind so dünn, dass man die Bewegung höchstens als einen kleinen Druck oder kleines Ziehen empfindet.

Die besten Ergebnisse werden nach 3-4 Behandlungen erzielt.

Wo und wann wird
Dry Needling angewendet?

Es gibt sehr viele Indikationen für das Trockennadeln. Unter Anderem sind das Nacken- und Schulterverspannungen, Tennisarm/ Golferarm, Rückenschmerzen, Achillessehnenpathologien, Fersensporn, Plantarfasziitis und noch vieles mehr. Wenn Du Dich fragst, ob es auch bei Dir sinnvoll wäre, Dry Needling auszuprobieren, frage gern Deinen Therapeuten oder Deine Therapeutin. Oder nutze mein Kontaktformular, um mich direkt zu fragen (zu einigen dieser Symptomatiken und Krankheitsbilder habe ich bereits Artikel geschrieben, schau gern dort nochmal rein).

Kontraindikationen

Aufpassen sollten wir bei starken Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schwangerschaft, bestimmten Autoimmunerkrankungen oder Allergien. Auch bei Hauterkrankungen, die eventuell sogar ansteckend sind, behandele ich natürlich nicht. Alles Andere ist individuell zu entscheiden.

Wer darf Dry Needling ausführen?

Da es sich beim Trockennadeln um eine invasive Technik handelt (man also in den Körper hinein geht), dürfen es hier in Deutschland nur Ärzte/-innen und Heilpraktiker/-innen anwenden. Allerdings gehört es in vielen Ländern wie den USA, Kanada, Australien, der Schweiz oder auch den Niederlanden, schon fast zum „guten Ton“ in der Physiotherapie. In asiatischen Ländern greift man lieber auf die traditionelle Akupunktur zurück, weshalb die Technik dort weniger Anwendung findet.

Was sind myofasziale
Triggerpunkte?

Jede/-r hat dieses Wort „Triggerpunkt“ schon mal gehört und wahrscheinlich auch seine Bedeutung am eigenen Körper gespürt. Und doch weiß man gar nicht so richtig, was da genau passiert bzw. warum diese Muskelverhärtungen überhaupt entstehen. Lass mich ein wenig Licht ins Dunkle bringen. (Die genaue Entstehung von myofaszialen Triggerpunkten ist bis heute nicht komplett geklärt, es gibt allerdings anerkannte Hypothesen, die schon fast vollständig wissenschaftlich bewiesen sind.). Und wichtig: Es gibt verschiedene Arten von Triggerpunkten, auf die ich hier jetzt nicht eingehen werde, da das den Rahmen sprengen würde. Außerdem bleibt die Entstehung aller Triggerpunkte auch die Gleiche;

Die Teufelskreis-Theorie

Wir nennen sie im erweiterten Sinne auch „integrierte Hypothese zur Entstehung von Triggerpunkten“ (weil man muss ja immer alles komplizierter benennen, als es eigentlich ist 😉 Ich versuche es Dir so leicht wie möglich zu erklären). Hiernach wird ein Muskel überlastet, wodurch eine Mini-Entzündungsreaktion entsteht. Diese Entzündung ist unter Anderem der Grund dafür, dass vermehrt Kalzium-Ionen in der Muskelzelle freigesetzt werden. Jetzt sorgen diese Ionen wiederum dafür, dass sich die elektronischen Spannungspotenziale verändern und es zu einer Mini-Kontraktion der Muskelzelle kommt. Die Muskelfaser zieht sich also zusammen und wird im Durchmesser dicker. Dadurch drückt sie nun auf die Blutgefäße, die sie eigentlich versorgen sollen. Und wenn weniger Blut ankommt, kommen auch weniger Nährstoffe an. Normalerweise brauchen wir diese Nährstoffe, um Energie in Form von ATP herzustellen. Wir haben jetzt weniger Nährstoffe – heißt auch, dass weniger Energie hergestellt werden kann. Die kontrahierte Muskelfaser benötigt nun aber mehr Energie, und zwar, um sich wieder zu entspannen. Kalzium-Kanäle können sich nämlich nur mithilfe von ATP öffnen und auch wieder schließen (für die Entspannung müssen die Kalzium-Ionen ja wieder ins sarkoplasmatische Retikulum der Muskelzelle gelangen). Und da haben wir nun den Salat; Eine Energiekrise entsteht: Wir brauchen mehr Energie und haben weniger, als im normalen Zustand. Durch diese Energiekrise werden jetzt Botenstoffe (Bradikinin, Prostaglandin, Serotonin, Noradrenalin etc.) ausgeschüttet, die den Nozizeptoren (Schmerzrezeptoren) sagen, sie sollen Schmerz empfinden. So entsteht der Schmerz. Und es kommt noch ein dritter Faktor hinzu: Durch das ständige „Schmerz!“-Gebrabbel von den Nozizeptoren, wird auch noch der Neurotransmitter Acetylcholin ausgeschüttet. Er wird von einer Nervenzelle abgegeben und gibt seinem Buddy, der Muskelzelle, das Signal: „Kontraktion!“, was den (Teufels-)kreis schließt. Das alles kann ganz schön lange andauern und unsere Wundermaschine, so toll sie auch ist, hat hierfür manchmal einfach keine Lösung. Und dann holen wir uns bei der Physiotherapie Hilfe 🙂 .

Die Lösung ist Bewegung (?)

Nochmal zum Anfang: Der Muskel wird überlastet, bevor der myofasziale Triggerpunkt entsteht. Was bedeutet das im Umkehrschluss? Dass der Muskel zu schwach für das ist, was er eigentlich leisten muss. Ich erkläre das meinen Patienten/-innen immer so: „Wenn Du so richtig müde und erschöpft auf der Arbeit bist und Dein Chef sagt Dir, Du sollst doch bitte nochmal einen Zahn zulegen… Wie reagierst Du? Genau! Innerlich weigerst Du Dich und am liebsten würdest Du dann weinen, schreien oder beides. Am besten noch auf den Boden schmeißen und nichts mehr tun. Wir können das aber leider nicht machen (auch wenn es manchmal glaube ich wirklich gut tun würde!). Muskeln allerdings, die dürfen das. Die haben nämlich kein „Ansehen“ oder „Stolz“, „Ehre“, „Gesellschaftlichen Anstand“. Und sie müssen auch kein Geld verdienen. Sie interessiert es nur, dass Du von ihnen etwas willst, wofür sie gar nicht die Kapazitäten haben. Und dann kommt es zu Mikroverletzungen und eventuell auch zu Triggerpunkten. Nun die Frage aller Fragen: Womit machen wir die Muskeln resilienter? Mit Kräftigung, Bewegung und Mehrdurchblutung.

Um das einmal klarzustellen: Bewegung ist nicht durch Manuelle Therapie, Dry Needling oder Massagen zu ersetzen! Also bitte hört auf Eure lieben Therapeuten/-innen und macht Eure Übungen.

Manchmal fehlt dem Muskel aber noch der letzte Kick. Und manchmal kann das auch Bewegung nicht bewirken. Und manchmal ist man auch zeitlich und energetisch nicht in der Lage, ins Fitnessstudio zu gehen oder viele Übungen zu machen. Hier kommen dann passive Maßnahmen, wie Dry Needling, doch noch ins Spiel.

Was bewirkt
Dry Needling genau?

Die Wirkung von Dry Needling kann man in „peripher“ und „zentral“ unterteilen. „Peripher“ bedeutet weiter weg vom Zentrum, in diesem Fall also an der Muskelzelle bzw. den Nervenzellen. „Zentral“ heißt Gehirn/ zentrales Nervensystem.

Periphere Wirkungsweisen

Ich habe im letzten Absatz geschrieben, dass es noch den dritten Faktor, das Acetylcholin, gibt. Nervenzellen schütten es vermehrt aus, wenn wir Schmerzen erleiden. Dadurch wird die Muskelzelle auch vermehrt kontrahiert. Man hat festgestellt, dass durch das Einstechen einer Nadel mehr solcher Enzyme ausgeschüttet werden, die dieses Acetylcholin abtransportieren. Wir nennen sie auch „Acetylcholinesterasen„. Wenn diese kleinen Freunde nun unsere Ordnung wiederherstellen, kommt es auch zu weniger Kontraktion und infolgedessen zu mehr Entspannung. (Ergebnis von Studien an Ratten)

Eine weitere mögliche Wirkung des Dry Needlings ist wohl eine erhöhte Ausschüttung von Beta-Endorphinen, welche dafür sorgen, dass der Schmerz nicht mehr so stark weitergeleitet wird. Wir erinnern uns: Für den Schmerz waren die Botenstoffe Bradikinin, Prostaglandin, Serotonin, Noradrenalin etc. zuständig. Das Beta-Endorphin senkt den Spiegel dieser Botenstoffe sowohl im Muskel, als auch im Blutserum. Dadurch entstehen weniger Schmerzimpulse. Dies ist ein Ergebnis aus Studien mit Kaninchen. Quelle: hier

Zentrale Wirkung
von Dry Needling

Leider wird in den Studien weniger auf die zentrale Wirkung von Dry Needling geschaut. Deswegen gibt es eher Theorien, als wirklich wissenschaftlich belegte Fakten. Es gibt keine Studie dazu. Meiner Meinung nach sind das allerdings wichtige Faktoren, die wir berücksichtigen sollten. Und zwar geht es hier um unser Gehirn. Was denkst Du, auf was reagiert Dein Körper mehr: Auf manuellen Druck oder auf Nadelstiche? Ich denke, dass es schon beim Desinfizieren und Handschuhe anziehen anfängt und beim Stich in den Muskel erst weitergeht. Wir haben instinktiv etwas dagegen, wenn uns jemand eine Nadel in unseren Körper sticht. Und genau deswegen sieht unser Kopf das als etwas Besonderes, Aufregendes an (Herzfrequenz steigt, Durchblutung wird erhöht). Dazu kommt, dass es eine passive Maßnahme ist. Wir werden behandelt, ohne etwas dafür tun zu müssen. Bei Übungen, die wir selbst machen müssen, sieht das anders aus. Rein vom Gefühl her spielt das zentrale System, also unser Kopf, eine große Rolle, die ich persönlich nicht unausgesprochen lassen will.

Anwendungsbeispiele

(Falls Dich ein Thema interessiert, klick gern auf den Begriff und Du kommst zum entsprechenden Blogartikel! 🙂 )

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